Open End: IMPRESSIONS OS#2

„[…] Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.“

Oskar Loerke (1911): Blauer Abend in Berlin

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Für vier Wochen wurde das ehemalige BVG-Gelände der Uferstudios zu einem Ort regen Verkehrs.

Verkehr – die Zirkulation von Dingen, Menschen oder Nachrichten – regelmäßiger sozialer Austausch – sexueller Akt. Sehen wir die Tanzfabrik als Ort des Verkehrs, des Austauschs, der Bewegung so wurde der ohnehin schon stetig in ihr rauschende Verkehr während des Open Spaces Festivals verdichtet und mehrspurig.

Ein und dasselbe Studio wurde deformiert je nach der Art des Verkehrs, der in ihm stattfand. Jeder Abend, jedes Showing produzierte eine andere Infrastruktur in welcher Zuschauer, Künstler, Publikum, Mobiliar, Musik und Licht um jedes Stück herum – und in ihm selbst – neue Wege generierten: Orte der Aktion – der Stille – des Austauschs – der Spannung – des Innehaltens. Jedes Showing strahlte Energien aus, die die Anwesenden umformten um es durch seine ihm eigenen Richtungen, sein eigenes Tempo, seine eigene Stimmung und sein eigenes Vokabular zu rahmen, aufzufangen, zu umhüllen und mitzunehmen.

Die Besucher aus den verschiedensten Kontexten fanden während des Open Spaces Festivals über zwei Orte zueinander: 1. Durch die an einem Punkt fixierten Räume der Uferstudios und 2. Durch unsere mobilen Körper. In unserer Körperlichkeit und den damit verbundenen Fähigkeiten und Einschränkungen – besonders als zeitweise immobiles Publikum – folgten wir vereint den selben Bewegungsabläufen, wurden zum geschlossenen Gegenüber oder Teil einer Performance, traten in Dialog durch unsere pure, körperliche Anwesenheit. Künstler gaben ein Stück ihrer Selbst – ihrer Wahrnehmung, ihres Schaffens, ihrer Persönlichkeit – dem Publikum und erhielten die Anwesenheit des Publikums um ihre Arbeiten weiterzuentwickeln.

Ein Freuen, ein Sich-inspirieren-lassen, Fragen, Öffnen, Sich-verwirren-lassen: Das Open Spaces war nicht nur ein Öffnen von Raum, nicht nur eine Grenzüberschreitung. Es war eine Verwirrung die sowohl sozial und technisch als auch körperlich und ästhetisch erfolgte. Jeder Moment – jedes Showing – war ein engeres Verzwirbeln von Kommunikation, eine sich bündelnde Verknotung, die sich dann Stück für Stück verfestigt oder entwirrt. Es gibt nicht den einen, gerichteten Schritt, der die Grenze überschreitet von einem Ort zum anderen – von einem Moment in den anderen; nicht ein dualistisches System indem Fragen und Antworten sich ergänzen. Es gibt nur Linien, Wege, Verkehrsadern, Energieströme, die Gedanken transportieren und in denen Ideen pulsieren. Davor – danach, hier – dort, Produkt – Prozess existieren so nur als ewiges „Werden“.

Grenzräume – offene Räume. Wochenlang arbeiteten Künstler eng nebeneinander.  Der Tanzfabrik sind einige durch ihre Studienvergangenheit oder zurückliegende Kooperationen längst verbunden. Anlässlich des Open Spaces wurden die Uferstudios ein intensiver Ort der gleichermaßen dem Rückzug sowie des Sich-Stellens diente. Für uns – das Team hinter den Kulissen – stand diese Transformation vom Proben- zum Präsentationsraum und die damit einhergehenden Verschiebungen im Fokus, die neue Verbindungen zwischen Stück, Raum, Publikum und Künstlern knüpften.

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Was gebe ich in diese Welt, was nehme ich von ihr auf?

Bestimmt der Raum meine Richtung oder bestimmt meine Ausrichtung den Raum?

Praktiken, Dinge, Werkzeuge zu gebrauchen, heißt sie abzunutzen und zu pflegen – inwiefern nutzen wir unsere Verkehrswege – Kanäle – Vehikel ab und pflegen sie?

Rosalind Crisp und Susan Leigh Foster stürzten sich in einen Dialog mit ihrer Tanzvergangenheit, während Ayse Orhon und Christina Ciupke sich einer spannungsreichen Reflektion von Kollaborationen widmeten und Andrew Wass Tanzentscheidungen entschlüsselte. Ellinor Ljungkvist übernahm die Vermittlung intimer Erfahrungen und Colette Sadler erschuf fremde Lebewesen. Renae Shadler hinterfragte mit Mirjam Sögner den Ursprung der Dinge, während sich Karol Tyminski an der physischen Realität abarbeitete und Sergiu Matis revolutionär in den Wahnsinn der Medienwelt eintauchte. David Bloom beschwor durch den Raum schwingende Lust herauf und Julian Weber spürte mit Lyllie Rouviere spielerisch dem Verlangen nach.

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Verkehren – sich nah sein, sich austauschen, sich bewegen. Verkehrt sein – das bedeutet gegenläufig zu der gewohnten Richtung verlaufen. Verkehrt können auch einige Formate des Open Spaces auf den ersten Blick scheinen, doch auf den zweiten wird die Bereicherung dieser prozessbegleitenden Möglichkeiten unübersehbar: Im Time To Meet –  Format sehen wir Ideen, Versuche, Skizzen. Wir erwarten jedoch oft Fertiges, Geschlossenes, Abgeschlossenes und brechen damit in eine Richtung die Zirkulation ab. Das Publikum, die Künstler und die Tanzfabrik haben mit der Unterstützung von apap – production studio berlin und mapping dance berlin Raum und Zeit für intensive Experimente und bleibende Eindrücke  geschaffen die das Open Spaces zu einem Inverkehrbringen von Impressionen machen. Nun zirkulieren sie noch,  befruchten sich und wirken über die Grenzen der Uferstudio-Mauern hinweg fort. Wir danken allen Beteiligten für einen Monat der Verschlingungen und Verstrickungen, deren Spuren uns lächeln, grübeln und nicht los – lassen.

 

Bis zum nächsten Mal zum #OpenSpaces3 – wir freuen uns auf euch!

Euer Team der Tanzfabrik Berlin

#OpenSpaces2

#SommerTanz2017

 

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